Liebe Eltern,

ich möchte jeden Monat meine Gedanken zu einem Thema mit Ihnen teilen. In meiner Arbeit mit den Kindern und in der Beratung und Begleitung der Eltern, wiederholen sich häufig Themen. Entscheiden Sie aus dem Bauch, ob dieses Thema gerade relevant für sie ist oder nicht.

Verantwortung übernehmen

Ein Thema, was mir in der Beratung sehr oft begegnet, ist das Thema Verantwortung. Es geht also bei diesem Newsletter darum, wie Sie sich bewusst werden können, ob Sie es schon schaffen, Verantwortung für sich selbst und ihr Handeln zu übernehmen und damit auch für ihr Kind und wie viel, wann und welche Verantwortung ihr Kind übernehmen kann.

Zuerst einmal ist es für unsere eigene Selbstentwicklung und damit auch die Entwicklung unserer Kinder von großer Bereicherung, wenn wir lernen, die Verantwortung für unser Tun, Denken und Fühlen selbst zu übernehmen. Das bedeutet, dass wir uns bewusst werden müssen, dass wir dazu neigen, die Verantwortung geschmeidig und in einem nett eingebundenen Nebensatz abzugeben. Gerade gegenüber unseren Kindern rutschen uns doch mal Sätze wie: “Wenn du nicht… , dann bin ich wütend/traurig/enttäuscht.” oder “Du machst mich gerade echt wütend/traurig/mir Angst.” Damit hat man die Verantwortung für die Gefühle dem Kind übergestülpt, das nichts machen kann, außer zu versuchen, sein Verhalten anzupassen, um bei seinen Eltern keinen entsprechenden Gefühlszustand zu provozieren. In Wahrheit allerdings sind Sie als Eltern ganz alleine dafür verantwortlich, wie Sie sich fühlen.

Beim Handeln sind wir noch kreativer. Wenn Sie im Autopilot durch den Tag laufen, und alle Dinge tun, weil Sie denken, dass sie sie tun müssen, man sie von Ihnen verlangt, sie eben alle Menschen so tun oder Sie sie eben tun, weil Sie eben so oder so sind. Fakt ist aber, dass Sie vor jeder Handlung eine Entscheidung treffen. Und es ist für Ihr Kind immer schön, wenn es sieht, dass Sie die Dinge nicht nur gerne tun, sondern sich auch bewusst dazu entschieden haben, sie zu tun. Über die Verantwortungs-Abgabe laut Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation erfunden hat, können Sie in diesem interessanten Blogartikel auch lesen:
https://www.improwe.de/blog/gfk-verantwortung-leugnen

Teil zwei ist nun die Verantwortung, von der wir möchten, dass unser Kind sie übernimmt oder zu übernehmen lernt. Dabei fällt mir in meiner Arbeit auf, dass viele Kinder in vielen Bereichen viel zu früh viel zu viel Verantwortung bekommen, und in anderen Bereichen viel zu wenig. Ein paar Beispiele, die meines Erachtens wichtig sind, hänge ich Ihnen hier an.

  1. Verantwortung für die Tagesstruktur: Was leider viel zu häufig viel zu früh passiert, ist dass Eltern ihren Kindern die Verantwortung für die Tagesstruktur übergeben. Genau wie bei Montessori ist auch bei uns zuhaus e eine zeitliche Struktur, feste Rituale und eine vorbereitete Umgebung der zentrale Aspekt für einen Sicherheitsgefühl ihrer Kinder. Lassen Sie bitte ihr Kind NICHT entscheiden, ob es heute zur Kita oder Schule gehen will, wann es ins Bett gehen und aufstehen möchte oder im Laden eine Sache zum Geburtstag aussuchen. Ihr Kind wird sich entspannen und es Ihnen danken, wenn Sie die Verantwortung für die Tagesstruktur übernehmen. Natürlich können Rituale, Zeiten oder Gewohnheiten spätestens ab der Vorpubertät von Ihrem Kind hinterfragt und dann verhandelt werden. Wichtig ist auch hier, dass die Verhandlung mit einem klaren Abkommen endet.
  2. Verantwortung für den Haushalt: Hier passiert oft das Gegenteil von der Tagesstruktur. Leider werden Kinder heutzutage viel zu spät in alltägliche Arbeiten mit einbezogen. Schade, wie ich finde. Nicht nur, dass Haushaltsarbeiten zu zweit mehr Spaß machen und die Beziehung zu Ihrem Kind stärken. Sie geben dem Kind Selbstbewusstsein, stärken die Selbstwirksamkeit und geben ihm das Gefühl, ein wichtiger Teil der Familie zu sein. Ich weiß, dass es oft mehr Arbeit macht, als es bringt. Aber wenn Sie ganz früh damit anfangen, also schon sobald ihr Kind laufen kann, wird der Moment kommen, wo Sie die Lorbeeren ernten dürfen. Wenn Sie schon ältere Kinder haben, können Sie sich mit ihnen zusammen setzen, die Aufgaben des Haushaltes besprechen und ihnen jede Woche wieder neu die Wahl lassen, welche Aufgabe sie übernehmen wollen. Wichtig dabei ist auch, welche Aufgabe Sie übernehmen wollen. Schließlich wäre es schön, w enn unangenehme Aufgaben auch mit Spaß verrichtet werden können.
  3. Verantwortung für das Lernen: Auch hier passiert oft etwas sehr spannendes. Als Montessori Eltern sind Sie ja stets bemüht, Ihrem Kind den Spaß am Lernen zu erhalten und dafür zu sorgen, dass es sich leicht und ohne Anstrengung weiterentwickelt. Leider leben wir in einer Gesellschaft, die uns da in vielen Punkten einen Strich durch die Rechnung macht. Manche Dinge im Lernen müssen Sie eben auch lenken. Dazu gehört, dass Sie zuhause eine vorbereitete Umgebung mit spannenden und altersentsprechenden Materialien vorbereitet haben. Gleichzeitig dürfen Sie Ihrem Kind gerne den Medienkonsum – von dem es sicherlich glaubt, dass es es ultimativ schnell und effektiv ans Ziel bringt – einschränken. Seien Sie Vorbild! Versuchen auch Sie, weniger Zeit am Computer oder Smartphone zu verbringen und dafür mehr im Moment und Kontakt mit Ihrem Kind zu sein. Beziehen Sie ihr Kind ins Einkaufen, Haushaltsrechnungen oder Briefe sortieren ein, so dass es einen realistischen, im Alltag verankerten Bezug zu den Lerninhalten bekommt. Ihr Kind ist verantwortlich dafür zu lernen, aber Sie sind verantwortlich dafür, ihm eine Umgebung zu schaffen, in der es lernen kann.

Wenn Sie merken, dass Sie bei diesem kurzen Ausflug in das Thema Verantwortung auf einen inneren Widerstand bei sich stoßen, dürfen Sie sich bei mir melden, ich begleite Sie gerne.

Haben Sie einen tollen Monat,
Ihre Philomela

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