Liebe Leserinnen und Leser,

ein außergewöhnliches, von Chaos, Widersprüchen und Veränderungen geprägtes Jahr neigt sich dem Ende zu.
Wie auch immer der vor uns liegende „Lockdown“ begründet sein mag – eine erneute Entschleunigung wird den meisten von uns gut tun! Ich wünsche allen, dass diese Auszeit möglichst wenig persönliche Opfer bedeutet!
Allen, die in den nächsten Tagen und Wochen weiterhin für andere – außerhalb ihres Familienkreises – da sein werden, möchte ich ein großes DANKESCHÖN aussprechen.

Wer weise Geschichten mag, darf gerne weiter- oder laut vorlesen!

Auch wenn noch ein paar Tage Homeschooling vor uns liegen, wünsche ich euch allen auf jeden Fall – im Namen der ganzen AG Kommunikation – ein besinnliches Weihnachtsfest!
Kommt gut ins neue Jahr!

Eure Jenny


Die Botschaft im Ring

In einem fernen Land lebte einst ein mächtiger König. Das Land war reich, die Ernte der Bauern üppig, die Handwerkskunst stand in ihrer Blüte und auch auf die Bildung seines Volkes konnte der König stolz sein. Regelmäßig wurden opulente Feste gefeiert, die Menschen vertrauten auf die Weisheit ihres Herrschers und lebten im Überfluss.
Der König jedoch wurde oft von düsteren Gedanken geplagt. Das Land war nicht immer so wohlhabend gewesen. Das wusste der König sehr wohl, und manchmal holten ihn Erinnerungen an seine Kindheit ein, in der das Land sich im Krieg befunden hatte und viele Menschen Hungersnöten zum Opfer gefallen waren. Konnte er darauf vertrauen, dass der Wohlstand stabil, er selbst und sein Volk ohne Not bleiben würden?
Und was, wenn wieder einmal eine Dürre, ein Krieg, eine Epidemie kommen würden?
So rief der König denn eines Tages all seine Berater zusammen und sprach: »Bringt mir eine Botschaft, die mir helfen wird, auch schwere Zeiten zu überstehen. Sie muss sehr kurz sein, denn ich möchte sie unter dem Diamanten meines Ringes immer mit mir tragen.«
Die weisen Männer nickten und machten sich auf die Suche nach einer solchen Botschaft. Sie lasen viele kluge Bücher, ohne jedoch eine Lebensweisheit zu finden, die sich in ein paar wenigen Worten ausdrücken ließ. Schon seinem Vater hatte aber neben seinen offiziellen Beratern ein Sufi-Meister zur Seite gestanden, der den König bereits seit seiner Kindheit kannte. Dieser Sufi-Meister hatte von der Frage des Königs gehört, während er durch das Land reiste, und zögerte nicht, ihn aufzusuchen. »Mein König«, sprach der Sufi-Meister, »die Schriftgelehrten werden dir nicht weiterhelfen. Nur wer die Weisheit selbst erkannt hat, kann sie weitergeben. Wenn du bereit bist, werde ich sie dir aufschreiben. Aber lies sie nicht sofort, sondern erst dann, wenn du glaubst, dass alles gescheitert ist und du völlig verzweifelt bist.«
Früher als der König befürchtet hatte, kam diese Zeit. Sein Land wurde überfallen, er selbst vom Thron verjagt und zur Flucht gezwungen. Mit seiner Familie und ein paar Getreuen versuchte er zu Pferde, die Verfolger abzuschütteln. So schnell sie konnten, ritten sie schließlich durch einen dichten Wald und als sie schon fast glaubten, genügend Vorsprung gewonnen zu haben, standen sie plötzlich vor einer Felswand, die sie nie im Leben bewältigen konnten. Sie saßen in der Falle und in seiner größten Not öffnete der König seinen Ring und las die Botschaft: »Auch dies geht vorüber.«
Obwohl er nicht wusste, was nun geschehen würde, wurde er mit einem Mal ganz ruhig. »Ja«, sagte er sich, »so ist es. Was auch immer jetzt passiert: Es wird vorübergehen.«
Zum großen Erstaunen des Königs und seiner Getreuen kamen die Verfolger gar nicht. Die Laute der Hufe, die sie vor ein paar Minuten noch vernommen hatten, waren nicht mehr zu hören. Vermutlich hatten die Feinde ihre Spur verloren und sich nun im Wald verirrt.
Der tödlichen Bedrohung entkommen, schaffte es der König, mit seinen Getreuen sein Land und den Thron zurückzuerobern. Die Feinde wurden verjagt und das Volk feierte die Rückkehr seines geliebten Herrschers.
Doch als der König während dieser großen Feier auf seinem Thron saß und in ausgelassener Stimmung von seinem Schloss aus über sein Land blickte, stand plötzlich der Sufi-Meister hinter ihm und sprach: »Und nun, mein König, öffne den Ring und lies die Botschaft erneut.« –
»Aber warum?«, fragt der König. »Dies ist doch alles andere als ein Moment der Verzweiflung?«
»Das Leben hat mich gelehrt«, sprach der Sufi-Meister, »dass diese Botschaft sowohl in schlechten als auch in guten Zeiten Gültigkeit hat.«
Der König öffnete den Ring, las die Botschaft erneut: »Auch dies geht vorüber«, und wurde plötzlich ganz ruhig. Er war weder euphorisch noch verzweifelt, weder ausgelassen noch niedergeschlagen, sondern von einem tiefen inneren Frieden erfüllt.“

Aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers: Geschichten für ein offenes Herz und einen wachen Geist“ von Ilona Daiker & Dr. Michael Eppinger

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